Singular - Texte

Singular – Morgenstund hat Gold im Mund

Kapitel 1 (PDF, 30 KB)


Ohayô, Elli-chan! Okite kudasai! Elli-Chan, okite kudasai!

Die schrille Stimme des Kinderweckers tönte durch den Raum.

Ohayô, Elli-chan! Okite kudasai! Elli-Chan, okite kudasai!

Rücksichtslos seinem Programm folgend, begann der Plastikpinguin jetzt mit den Flügeln zu schlagen und startete den Vibrationsalarm, um saumselige Schüler aus der Zuflucht des warmen Betts zurück in die Hölle des japanischen Schulsystems zu jagen.

Ohayô, Elli-chan! Okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*
Elli-Chan, okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*

Endlich begann sich etwas zu rühren. Eine Hand tauchte unter der Decke hervor und versuchte nach dem Wecker zu greifen. Der Versuch wurde aber schnell wieder abgebrochen, weil dem Besitzer der Hand wohl eingefallen war, dass der Wecker taktisch klug außerhalb der eigenen Armreichweite platziert worden war.

Ohayô, Elli-chan! Okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*
Elli-Chan, okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*

Grunzend strampelte sich der Besitzer der Hand von der Decke frei und entpuppte sich als junge Frau in einem blau-weiß gestreiften Pyjama.

Ohayô, Elli-chan! Okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*
Elli-Chan, okite kudasai! *rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr*

Vor sich hin murmelnd stand die Frau auf und schlurfte hinüber zum Tisch, auf dem der abgewetzt aussehende Pinguin unerbittlich seine Weckroutine abspielte. Ein Druck auf den großen roten Knopf auf seiner Brust ließ ihn endlich verstummen.

Die Frau streichelte sanft die mit feinen Rissen durchzogene Plastikhülle des Weckers. “Bis morgen um die selbe Zeit, Pengin-kun, ja?”, flüsterte sie. Leise seufzend hielt sie für einen Moment inne, um die wieder eingekehrte Ruhe zu genießen.

“Guten Morgen, Elisabeth Koopmann! Es ist Sieben Uhr! Zeit zum Aufstehen, Elisabeth!”, brüllte es aus den Wandlautsprechern. Die Decke des Raumes wurde auf Maximal-Lux hochgefahren. Die Medienwand erwachte zum nicht abschaltbaren Leben und bombardierte die Sinne der Frau mit einem Sammelsurium von Bildern und Tönen. Mit einem leisen Schmatzen fuhr die Sanitäreinheit aus dem Boden. Die Tür zur Duschkabine öffnete sich und das Wasser begann zu laufen. Elli, die ihren amtlichen Vornamen Elisabeth mit Inbrunst hasste, zog den Pyjama aus, trat hinein und ließ sich von abwechselnd warmen und kalten Wasserstrahlen massieren.

“PIM?”

Ein kleiner Bildschirm in der Duschkabine begann aufzuleuchten und zeigte das Logo der Fürsorger.

“Sie haben keine neuen Nachrichten.”, verkündete die synthetische Stimme des Personal Information Managers.

“Ach, was für eine Überraschung!” Elli verzog das Gesicht. Nicht, dass sie sich irgendwelchen Illusionen bezüglich des letzten Abends hingeben würde, aber wenigstens irgendeine Reaktion von ihrer neuen Bekanntschaft wäre nett gewesen.

“Sie haben einen neuen Termin. Gleich 09:00 Uhr, im Büro von Direktor Skarsgard. Er möchte sich mit Ihnen über die letzten Umfragewerte bezüglich Projekt Safe-Ray unterhalten.”

Elli verzog das Gesicht noch stärker. Das bedeutet in der Regel einen Anschiss vom Feinsten. Sie und ihr Team hatten alles gegeben, um Safe-Ray im besten Licht erscheinen zu lassen. Safe-Ray! Sichere und saubere Sonnenenergie aus dem All! Große Solarpanelfelder weit draußen im hohen Orbit um die Erde. Besonders gesicherte Abstrahlstationen für Mikrowellen, die mit Empfangsanlagen auf der Erdoberfläche aufgenommen und in verwertbare Energie umgewandelt und verteilt wurden. Das erste große Gemeinschaftsprojekt von Menschen und anderen Mitgliedern der Sternenherde.

Das Ziel, unter den Menschen über 80% ausdrückliche Zustimmung zu erzeugen, um somit genug gesellschaftlichen Druck auf alle Abweichler und Enthalter auszuüben, schien nach Prognoseberechnungen und ersten Test-Umfragen unter Fokusgruppen leicht erreicht werden zu können. Was zur Hölle wollte Skarsgard jetzt von ihr? Ein Lob, weil die Fürsorger erneut in ihrem Handeln bestätigt werden konnten? Aber Skarsgard lobt nicht. Skarsgard verteilt nur verbale Ohrfeigen.

Der Tag fing gut an, so richtig gut!

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7 Gedanken zu “Singular – Morgenstund hat Gold im Mund

  1. Der Pinguin-Wecker ist super! Echt viele Adjektive (auf die Schreibregeln geb‘ ich normalerweise einen Scheiß, aber hier stören sie mich dann doch) – Beispiel: „Laut“ murmeln geht eh nicht, also brauchts das „leise“ nicht 🙂
    Ansonsten bin ich immerhin schon neugierig geworden auf „Deine“ Zukunftsvision. Und auf den kommenden Klang des Textes – momentan kann er sich, scheint mir, noch nicht so ganz zwischen lustig und ernst, salopp und literarisch entscheiden …

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  2. Mit ein Grund, warum ich das Schreiben hier öffentlich zur Diskussion stelle … wie sonst soll ich besser werden, wenn mir niemand sagt, was ich alles falsch mache? Von daher … Feuer frei!

    Und den Wecker habe ich mir von „Fullmetal Panic“ ausgeliehen.

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  3. Gut, Peng, Peng! Dann nochmal zu den Adjektiven. Gleich im ersten vollen Absatz: „… und startete den laut summenden Vibrationsalarm, um saumselige Schüler aus der flauschigen Zuflucht des warmen Betts zurück in die Hölle des japanischen Schulsystems zu jagen …“
    Wenn Du das laut vorliest und dabei die Adjektive betonst – laut summend, saumselige, flauschigen, warmen, japanischen – wird vielleicht klar, was ich meine. Eine derartige Ballung bekommt leicht was ironisierendes. Falls Du das gewollt hast, okay. Falls nicht …
    Und: „Ausleihen“ ist ja durchaus legitim 🙂

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  4. Ja, da muss ich mich stärker am Riemen reissen. Beim Bloggen auf SeniorGamer rotze ich gerne sarkastische Postings raus, beim Prosaschreiben sollte ich mehr darauf achten, welche Wirkung ich dabei erziele.

    Dieser Text dient in erster Linie auch zur Selbstfindung und Ideengenerierung. Werde ich mit der Figur warm? Warum tut sie das, was sie da tut? Woher kommt sie? Mit wem hat sie zu tun?

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  5. Könnte ich nie – einen Text beginnen ohne einigermaßen zu wissen „woher“ meine Figur „kommt“ und „warum sie tut, was sie tut“. Aber es gibt ja genug andere, die das Drauflosschreiben favorisieren – bestes Beispiel: Douglas Adams. Der setzte das im Schreiben um, was Kleist aufs Sprechen bezogen in einem Aufsatz so nannte: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ 🙂

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  6. Ja, das trifft zu. Ich entdecke während des Schreibens, was ich eigentlich sagen möchte, was ich beschreiben möchte. Das führt, wie es auf SeniorGamer oft passiert, gerne dazu, dass bereits fertige Texte komplett umgeschrieben oder wieder in die Tonne getreten werden, weil ich am Ende des Textes feststellen muss, dass mein Anliegen eigentlich ein ganz anderes ist.

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  7. Sooo, etwas überarbeitet und am Ende ein Link auf ein PDF für Leute, die keine Lust haben alles am Bildschirm zu lesen.

    An anderen Formaten kann ich nur ODT einbinden. EPUB, MOBI und sonstige eBook-Formate lassen sich auf WordPress.com nicht einbinden. Hier müsste ich den Umweg über einen Premium-Account gehen, der immerhin (wie gnädig) den Upload von ZIP-Containern ermöglicht. Nun ja, aller Anfang ist schwer …

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