Singular - Texte

Singular – Prolog

Prolog (PDF, 40 KB)


Irgendwo links hinter dem Virgo-Galaxienhaufen. Irgendwann.

„Mir ist langweilig!“

Blaue Plasmaentladungen züngelten über die Antriebsdome. Gravitationspulse benetzten die nähere Umgebung. Ein Stern wurde geboren. Ein kleiner Irrläufer verwandelte sich in langsam auseinander driftenden Schutt.

„Mir ist so langweilig! Ich will wo hin, wo was los ist!“

Chefchen rollte angenervt die Sensoren nach innen.

„Dann sag doch, wo DU hinwillst. Und hör auf mit dem Antrieb herumzuspielen. Das Kommandodeck wackelt.“

„Das Kommandodeck wackelt. Hörpdörp.“, äffte Heimchen nach. „Ich weiß aber nicht, wohin ICH will. Ich war schon überall, wo was los ist. Mir ist langweilig! Und ich wackel mit meinem Kommandodeck, wie es mir passt!“

Chefchen wünschte sich woanders. Chefchen wünschte sich ZURÜCK. Aber er musste noch vier Zyklen aushalten, bis er abgelöst würde. Und ausgerechnet jetzt litt Heimchen unter einer existenziellen Krise. Langeweile. Der Todfeind jeder fortgeschrittenen Kultur. Chefchen löste sich aus der Verankerung der Entscheidungswiege und begann langsam durch das Gras des Kommandodecks zu rollen.

„Heimchen, ich schnalle mich erst dann wieder fest, wenn Du endlich weißt, was Du willst.“

„Hrmpf!“ Der Boden rumpelte erneut. Diesmal etwas stärker. „Hey, Steuerchen! Zeig mir einen Stern. Zeig mir, wohin ICH will.“

„D-d-das kann ich aber nicht.“, flüsterte Steuerchen vom anderen Ende des Kommandodecks. „I-i-ich kann Dir einen Stern zeigen, wenn Du möchtest.“ Umständlich wurden Kanülen verbunden und Membrane geformt. Steuerchen rutschte verlegen im Zeigerstand umher. „Aber nur das. I-i-ch kann nicht für DICH wollen.“

„Heimchen, lass ihn in Ruhe! Du sollst ihn nicht ärgern. Sonst rutschen wir wieder zu nahe an einem Kollapsar vorbei und schwuppdiwupp sind etliche tausend Jahre vergangen, in denen WIR etwas Wichtiges verpasst haben. Weißt Du noch? Die Cosmalrauch-Agonie von ’nTelp? Eine ganze Galaxie katalfert sich und wir erfahren davon nur noch aus Archiven?“

„Ja, ok.“, kam es kleinlaut zurück.

„Soll ich die anderen fragen, wo man hingehen könnte?“, fragte Chefchen. „Vielleicht wissen die ein paar Ecken, wo WIR noch nicht waren und wo etwas Interessantes passiert?“

„Oh ja, lass uns die alten Säcke fragen. Super Idee! Schaut, da kommt Heimchen. Noch keine sieben Großkadenzen alt, meint aber bereits alles gesehen zu haben. Haha, kleines, dummes Heimchen! Ehrlich, Chefchen. Deine Ideen waren auch schon mal besser!“

Und wieder rumpelte es heftig. Chefchens Sensorenphalanx wurde mit einem Regen von Chaosschaum überschüttet, als die Dämpfer des Kommandodecks nur die gröbsten Quantenverwerfungen ausfiltern konnten. Steuerchen signalisierte mit heftig rudernden Pseudopodien, dass er bereits ein Ziel für einen Stasis-Notsprung ausgewählt hatte, falls Heimchens Anfälle zu heftig wurden. Chefchen gab stumm eine Bestätigung zurück und zog sich dann wieder unter den Schutz eines Felsüberhangs zurück, der sich gerade passend aus der Possiblen Materie des Kommandodecks gebildet hatte.

„Das stimmt!“, lachte Chefchen zurück. „Denn meine Ideen waren noch nie gut. Schließlich bin ich Chefchen und nicht Du. Aber lass mich dennoch einen Vorschlag machen.“

„ICH höre …“

Der Regen aus Chaosschaum ließ allmählich nach. Servbots verließen die Körpertaschen von Chefchens Aktionskörper und begannen mit der Reinigung der empfindlichen Sensorenoberflächen.

„Ich könnte Träumerchen wecken und sie fragen, was DU wohl wollen würdest.“

„Auja, auja, auja, lass uns Träumerchen fragen! Meinst Du, Du bekommst sie wach, bevor ich vor Langeweile eingehe?“

Sich jedes weiteren Kommentars enthaltend, rollte Chefchen durch die allmählich abtrocknende Savanne zurück zur Entscheidungswiege. Er hievte sich in die Sitzschale, die Verriegelung schnappte ein und alle Systeme begannen ihren Bereitschaftsstatus zu melden. Chefchen signalisierte kurz zu Steuerchen, dass dieser sich weiterhin sprungbereit halten solle. Denn Heimchen hatte durchaus Recht. Er war sich nicht sicher, ob er Träumerchen rechtzeitig genug wach bekommen würde.

Tief im Inneren des Komplexes begannen sich Realitäten zu verschieben. Planmäßig fuhren manche Maschinen herunter, andere erhöhten ihre Aktivität. Raum und Zeit gruppierten sich um und bildeten eine Kugel aus sich ständig in Bewegung befindlichem, blau-schwarzen Possibloid. Chefchen bekam eine Klarmeldung nach der anderen. Sorgsam verschob er den Schleusenfokus, bis dieser von der Entscheidungswiege bis zur Traumkammer reichte, in der Hoffnung, dass dabei keine allzu große Zeitdilatation entstand. Die Kombox füllte sich mit immer mehr Anrufen von Steuerchen, in denen er über etliche Wochen hinweg bat endlich den Notsprung auslösen zu dürfen. Der letzte Wutanfall hatte offenbar einen signifikanten Energie- und Materialverbrauch der Repbots zur Folge und Steuerchen war der Panik nahe.

Da. Endlich Kontakt. Vollständige Kausalitätsüberlappung.

„Träumerchen, hörst Du mich?“

HEITERKEIT! Leises Gelächter erklang in Chefchens Bewusstsein.

„Heimchen ist wieder langweilig. Diesmal sind uns leider die Ausflugsziele ausgegangen. Du weißt schon welche ich meine … wo WIR noch nie waren, aber wo was los ist. Hast Du so einen Ort für uns gesehen? Wo wir einst sein werden?“

TROST! Etwas streichelte sanft seine Rückenrezeptoren. Während er sich an den Aufmerksamkeiten Träumerchens erfreute, die ihm über Zeit und Raum hinweg wieder das Gefühl gab, dass die Lange Reise irgendwann ein Ende haben würde, meldete Steuerchen den Empfang eines Koordinatenpulks.

„Danke, Träumerchen, ich danke Dir!“ Hastig begann Chefchen den Rückbau der Schleuse einzuleiten. Diesmal musste er nicht sorgsam alle Felder ausrichten, während „draussen“ Wochen und Monate vergingen, da sein Fixpunkt auf dem Kommandodeck genau definiert war. Ein Signalton meldete ihm die vollständige Integration in seine Original-Kausalität.

„STEUERCHEN?“, brüllte er aus Leibeskräften. „FREIGABE!“

Steuerchen ließ sich nicht zweimal bitten. Impulse jagten durch seinen schmächtigen Körper. Konzentriert nahm sein Bewusstsein alle notwendigen Schaltungen vor. Rotverschiebung Sker-Pheg, hinauf, immer weiter hinauf, an den glühenden Nebeln von Phi Dri Nam vorbei, hinein ins Große Purpurne Nichts.

„Abenteuer, ich kohomme!“, jubelte Heimchen, als die Antriebsdome in hellem Schwarz aufleuchteten. Die zerfurcht wirkende Plattform von den Ausmaßen eines mittleren Mondes schüttelte sich kurz und war dann verschwunden.

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2 Gedanken zu “Singular – Prolog

  1. Gefällt mir gut.
    Du solltest nur aufpassen dass dir deine ganzen Wortschöpfungen nicht irgendwann um die Ohren (respektive Pseudopodien) fliegen.
    Aber da hat der Seniorwriter bestimmt einen Plan, gelle?

    Gefällt mir

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